Pressebericht

Der Eroberer

Eine deutsche Brauerei nach der anderen wird von internationalen Bier-Konzernen geschluckt. In Oettingen ist von Krise nichts zu spüren. Günther Kollmar will den Marktanteil auf zehn Prozent schrauben.

Eine kleine Rundfahrt noch? So viel Zeit muss sein. "Kommet' se, i zeig' ihne die Brauerei." Günther Kollmar lässt Gäste nicht ziehen, ohne ihnen die Brauerei gezeigt zu haben. Seine Brauerei. Denn hier in der Brauhausstraße 8, wo am Tor drei Klingelschilder auf das Sudhaus, die Verwaltung und Familie Kollmar hinweisen, wo in einem Wohnbungalow fünf Büros die Brauerei-Verwaltung bilden und einige Silos stehen, das könnte doch einen falschen Eindruck hinterlassen. Von hier aus soll die wohl erfolgreichste deutsche Brauerei den Biermarkt erobern?

"Jetzt zeige ich ihnen eine richtige Bierproduktion", sagt der Senior der Oettinger Brauerei, ganz so, als wolle er darauf hinweisen, dass es auch falsche Bierproduktionen gibt. 32 Millionen Euro hat der Familienbetrieb im vergangenen Jahr allein in Oettingen investiert, heute füllt die Brauerei in dem Ort 3,6 Millionen Hektoliter im Jahr ab, bald werden es 5,3 Millionen Hektoliter sein - "das sind 24 Prozent des bayerischen Bierausstoßes." Günther Kollmar ist stolz auf das, was er geschaffen hat. Und deshalb ist es gewiss keine Schande, -noch eben einen Blick-auf die hauseigene Kläranlage zu werfen. Der fast 66-Jährige schmunzelt verschmitzt, ganz so, als würde er die Frage ahnen: Eine eigene Kläranlage? "Oettingen hat 5000 Einwohner, unsere Anlage würde für 60.000 reichen.

Die Oettinger Brauerei ist groß, sehr groß. Und sie ist erfolgreich. Sehr erfolgreich. Die Kollmars sind im Biermarkt das, was die Brüder Aldi im Einzelhandel sind. Von Oettingen aus, dass 30 Kilometer hinter der baden-württembergischen Grenze zwischen Nördlingen und Gunzenhausen liegt, hat Kollmar seinen Eroberungsfeldzug gestartet. Hier, wo die Kirchen Zwiebeltürme haben und die Orte Bopfingen, Munningen und Marktoffingen heißen, produzieren die Kollmars seit 1956 den Gerstensaft, den Konkurrenten gerne "Billigbier" nennen.

Um die fünf, sechs Euro kostet der Kasten. Das ist der Preis, der viele andere Brauer schreckt. Den Ausdruck Billigbier hält Kollmar freilich für einen Kampfbegriff, für "unzutreffende Disqualifikationsversuche" der Wettbewerber. "Wir brauen alle nach dem Reinheitsgebot." Sympathischer ist ihm da schon der Vergleich mit Aldi. "Das ist eine Auszeichnung. Aldi hat langfristig erfolgreich an einem Konzept gearbeitet und ist einen Solitärweg gegangen."

Auch Kollmar geht seinen Weg. Er schaltet konsequent Zwischenhändler aus - "bei anderen wird das arme Bier vier- fünfmal umgeladen" -, er beliefert mit seinen inzwischen 125 Lastwagen 9000 Einzelhändler und Verkaufsstellen direkt, macht keine Werbung und verkauft sein Bräu nicht über die Gastronomie. Alles in allem spare er so an die vier Euro Kosten pro Kasten - "das ist der Preisunterschied der anderen zu uns." Und billig kommt an. Der Marken-Marktanteil im Einzelhandel und in Abholmärkten sei vom ersten Halbjahr 2002 zum ersten Halbjahr 2003 von 3,6 auf 5,3 Prozent gestiegen. Damit ist Original Oettinger die Nummer zwei nach Krombacher und vor Warsteiner und Bitburger.

Mit preiswertem Bier will Brauereikönig Günther Kollmar den deutschen Markt aufrollen. Sein Vorbild ist der Einzelhändler Aldi.

Der unbekannte Riese. Wer weiß schon, dass Oettingen nicht nur Pils oder Weizen oder Export braut, sondern auch Alt? Mit 2,9 Prozent Marktanteil ist Oettinger-Alt kaum kleiner als Hannen mit 3,5 und Gatz mit 4 Prozent. Seit einigen Monaten wird auch Hannen und Gatz bei Oettinger gebraut, im Auftrag, denn Kollmar hat die Hannen-Brauerei in Mönchengladbach von Carlsberg gekauft. Lange hat Kollmar nach einer Braustätte im Westen gesucht, um von dort Bier auszuliefern. Kurze Wege sind das A und 0 seiner Kostenrechnung. Mit Mönchengladbach habe Oettinger "einen strategisch optimalen Standort": Belgien und Holland vor der Tür, mitten im 17-Millionen-Einwohner-Land NRW. Das hat Zukunft: Im Februar oder März "werden wir wahrscheinlich eine zweite Anlage in Betrieb nehmen".


Wir wollen an der Speisekarte mitschreiben

Die Oettinger brauen jetzt an fünf Orten in Deutschland. Und sie haben noch viel vor. "In einigen Jahren" will Kollmar zehn Prozent Marktanteil erreicht haben und einer derjenigen sein, die der Übernahme-Welle standhalten, die mit den internationalen Braukonzernen über Deutschland hinwegrollt. "Wir wollen nicht auf der Speisekarte stehen, sondern wir wollen sie mitschreiben."

Viele Brauereien würden verschwinden, seine aber nicht. An einen Verkauf an Interbrew und Heineken denke er nicht im Traum: "Die waren alle hier." Aber warum sollte Kollmar aufhören? "Doch nur, wenn man etwas nicht kann oder es nicht läuft. Wir können es und es läuft." Kollmar, der diplomierte Braumeister, hat das Bier-Gen, wie auch sein Sohn, wie auch schon der Vater. Der allerdings hat von Lehrer auf Brauer umgeschult, als er die Familienbrauerei in Franken mütterlicherseits erbte.

Ob er mal etwas anders als Brauer werden wollte? Für Musik und Geschichte habe er sich interessiert - "aber das war mit elf Jahren vorbei, dann war klar: Ich werde Brauer." Und was, wenn der Sohn Dirk nicht Brauer, sondern Musiker hätte werden wollen? "Den hätt' i nausghaut", sagt Günther Kollmar und lacht. Nein, auch der Sohn hat das Brau-Gen. Wie die Tochter Pia, die für das Marketing zuständig ist.

Der 40-jährige Sohn leitet die Brauerei zusammen mit zwei Geschäftsführern, ist für Ostdeutschland und Mönchengladbach zuständig. Und der Senior, Vorsitzender des Beirats, kann er die Arbeit nicht lassen? "Die Betriebsübergabe sei geregelt"', sagt Kollmar, gleichwohl stehe er mit "Rat und Tat dem Sohn bei". Im Tagesgeschäft bleibe keine Zeit, Strategien zu entwickeln, "etwas auszubaldowern - dafür bin ich zuständig". Was er ausbaldowert, will er nicht sagen. Dafür sagt er, was er auch jenen entgegenhält, die ihm den Schmäh' vom Billigbrauer hinterherrufen. "Nach der Schlacht werden die Toten gezählt."


RHEINISCHE POST - 29.10.2003

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Oettinger Brauerei GmbH - Brauhausstraße 8 - D-86732 Oettingen i. Bay.