Biertrinken mit Stil
Bierkultur im Billigland
Wenn ich hier zunächst einmal das Loblied meiner Freundin
Dagmar singe, dann deshalb, weil sie ein paar Eigenschaften hat, die einem Bierfreund sehr entgegenkommen. Sie
gehört zu jenen Frauen, mit denen man auch am Biertisch gut plaudern kann, weil sie von Bier viel versteht
– wir haben einander vor neun Jahren bei der Köstritzer Brauerei kennengelernt und in der Folge etliche deutsche
Brauereien gemeinsam besucht.
Erleichtert wurde das durch den Umstand, dass Dagmar auch eine gute Autofahrerin ist, die nicht trinkt, wenn sie
fährt und mir zuliebe schon auf manches Bier verzichtet hat, wenn sie mich von Bierlokal zu Bierlokal kutschiert
hat; oft an Plätze, die ich als Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel kaum erreicht hätte.
Ich habe also allen Grund, ihr dankbar zu sein – zur Abrundung erwähne ich noch eine Eigenschaft, die Dagmar
angenehm macht: Sie ist zwar eine ziemlich strenge, aber sehr tolerante Vegetarierin. Das heißt: sie ist
in diesem Punkt streng zu sich, nicht zu mir; sie gönnt mir mein Fleisch. |
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Das alles muss man wissen, um die folgende Begebenheit zu verstehen: Vor
einigen Wochen war Dagmar so gut, mich in ihrer engeren Thüringischen Heimat durch die Landschaft zu führen,
ich wollte ein neues Bierlokal in Gotha, die für ihre Lage doch ungewöhnlich benannte Seemannsstube testen
und auch ein anderes, das auch ungewöhnlich benannte „König Sahl“ noch einmal auf seine Tauglichkeit
in meinem Bierguide überprüfen. Beide Besuche liefen zu meiner Zufriedenheit ab (Dagmar ersparte sich
und mir, darüber zu räsonieren, dass ihr hier ein paar gute Biere entgangen sind) – und wir fuhren weiter
in ihre engere Heimat im Thüringer Wald.
Unterwegs fiel uns in Luisenthal ein großes Gebäude auf, das als Gaststätte und Brauereimuseum
angeschrieben war – wir legten spontan noch einen Zwischenstopp ein. Tatsächlich ist das „Stutzhäuser
Brauereimuseum & Gasthaus“ ein ganz ansehnliches Museum und eine Gaststätte, in der nicht nur gepflegtes
Bier ausgeschenkt wird – hier kommt das Bier auch in der Küche zu seinem Recht.
Ob ich nicht das Bierfleisch im Trebernbrot versuchen wolle, schlug Dagmar vor, das klinge so interessant. Ich
bestellte also ein Hausbier und besagtes Trebernbrot. Ob denn hier selber gebraut würde? Nein, das Bier (und
wohl auch der Biertreber, der in den Brotteig des Trebernbrots gemischt wird) komme von einer Brauerei in Gotha,
wurde mir bedeutet. Nicht aus der erwähnten Gasthausbrauerei, sondern aus der großen, die zum OETTINGER-Konzern
gehört.
Museum und Gaststätte beweisen somit, dass sich nicht nur die Radeberger Gruppe, die sich die Pflege deutscher
Bierkultur auffällig auf ihre Fahnen geschrieben hat, um die Kultur des Brauwesens und des Biergenusses kümmert,
sondern auch die viel gescholtene Billigmarke OETTINGER. Manche denken ja, dass OETTINGER so sehr dem Billigsegment verbunden ist, dass man da nicht einmal wirklich von
einer Marke sprechen könne. Das aber könnte eine Täuschung sein. Schon jetzt kann man ja darüber
spekulieren, ob der Erfolg im Billigsegment bei den discountverliebten deutschen Konsumenten nicht ein ähnliches
Kultmarkenpotenzial hat wie es die Billgmarke Aldi bereits realisiert hat.
Nun kommt also noch dazu, dass OETTINGER mit einigem Recht darauf verweisen kann, in Thüringen Traditionspflege rund
ums Bier zu fördern. Bis hin zum Bierfleisch im Trebernbrot. Es hat übrigens ausgezeichnet geschmeckt,
nicht nur mir: Es war auch so lecker angerichtet, dass Dagmar eine Ausnahme von ihrem Vegetariertum gemacht hat
und mir die Hälfte weggegessen hat.
Fachzeitschrift "Getränkefachgroßhandel"
04/.2007 |
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